Sie machten böhmische Musik, da ging uns beinahe der Hut hoch

Janacek, Dvorák, Smetana: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen überzeugte in der Glocke mit einem sinnenfrohen Programm

Von Simon Neubauer

Alexander Berrsche, Kritikerpapst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat einmal geschrieben, dass man beim Hören guter böhmischer Musik vor Freude den Hut in die Luft werfen möchte. Obwohl die Höhe des großen Glockensaales derlei zuließe, wäre es, vorausgesetzt man nähme einen Hut mit ins Konzert, hierzulande gewiss total unstatthaft. Gleichwohl blieb man beim jüngsten Konzertabend der Kammerphilharmonie nicht frei von solchen Lustgefühlen, weil wiederum mit Talent und Gusto, sinnenfroh und schmissig musiziert wurde.

Das Programm ehrte "Böhmische Jubilare", also den vor 150 Jahren geborenen Leos Janacek und den vor hundert Jahren gestorbenen Antonin Dvorák. Von der versteckten oder offen ausgesprochenen Dumka-Seligkeit her gebührte dem Älteren der Vortritt, zumal Arrangeur Andreas N. Tarkmann tüchtige Patenschaft geleistet hat. Von Janacek, beide Stücke im Original, durfte das Streichorchester im "Idyll" mit schwärmerisch schönen, schmelzend sehnsüchtigen, auch mal sphärisch schwebenden Träumereien prunken, nicht zuletzt deshalb, weil das noch erheblich an Vorbildern orientierte frühe Werk technisch keine Fallen stellt und Thomas Klug in der Konzertmeister-Funktion ebenso diskret wie sicher so leitete, dass sich der Klang in voller Wärme entfalten konnte.

Welche gewaltiger Schritt zur Suite "Mladi" (Jugend) für Bläsersextett, mit dem sich Janacek zum 70. Geburtstag an seine Frühzeit erinnerte. Trotz der Rückschau schrieb er in seiner längst erreichten Sprachmelodie, hier ausgelöst von den Worten Mladi, zlate mladi" (Jugend, goldene Jugend). In der polyrhythmischen Faktur, in der Nachdenklichkeit und im sprudelnden Übermut leisteten die sechs Bläser, ohnehin ein zum Wuchern geeignetes Fundament der Kammerphilharmonie, Vorzügliches an Präzision und Klangschönheit.

Hier hätte man den Hut hochwerfen mögen, davor allerdings schon einmal bei den drei Konzertstücken für Violoncello und Bläseroktett. Arrangeur Tarkmann hatte aus drei Stücken Dvoraks eine Art dreisätziges Cellokonzert von durchaus stattlichem Charakter zusammengefügt. Und Tanja Tetzlaff ließ sich dabei die Gelegenheit nicht entgehen, ihren formidablen Celloklang in vielfältiger Ausdrucksfülle und blendender technischerheit werkdienlich zu nutzen, wobei ihr das Bläseroktett eine Partnerschaft der frisch erblühenden, akkurat gesetzten Klangfarben bot.

Schließlich die "Slawischen Tänze" Dvoráks, herausgelöst aus den Opusreihen 46 und 72, gehen ja im originalen Klaviersatz wie in der Orchesterfassung und jetzt in der raffiniert-spritzigen Bearbeitung Tarkmanns immer ins Blut. Und natürlich auch in die Beine, wenn sie bei aller Transparenz nicht bloß der poesieverwobenen elegischen Töne, sondern vor allem in den charakterischen Tanzformen mit heller Lebensfreude gespielt werden.

In den Zugaben wetteiferten die Bläser mit den Streichern. Erstere rissen mit dem "Tanz der Komödianten" aus Smetanas "Verkaufter Braut" zum Jubelsturm mit, die anderen brachten den Gefühlshaushalt mit dem Larghetto aus Dvoraks Streicherserenade wieder ins Gleichgewicht.


 
  Quelle: Weserkurier 20.04.03